Waldprediger

Es ist Nacht, tiefe Nacht. Schwarz gurgeln die Wassermassen im kleinen Fluss vor der Einsiedelei des Waldpredigers. In den Bergen hat die Schneeschmelze begonnen, beschleunigt durch einen warmen Dauerregen; abgerissene Äste, umgestürzte Bäume und anderes Treibgut wirbelt in den Fluten und kracht gegen die Brückenpfeiler. Im Stahlgeseil der Fahnenmasten pfeift und klirrt der Wind.  Bösartig faucht er durch den Schornstein bis in den Ofen hinein, in den der Waldprediger  gerade noch ein paar Buchenscheite gegeben hat und durch dessen Schauglas er, in seinem Sesselchen hockend, sinnierend blickt. Vom Turm der alten Klosterkirche am anderen Ufer schlägt es zwei Uhr.
Der Waldprediger kann nicht schlafen, denn draußen tobt nicht nur das Wetter, es tobt ein Krieg.

Die Nachwehen eines solchen hat der Waldprediger in frühester Kindheit noch schmerzhaft am eigenen Leibe erfahren, im Gegensatz zu all den Maischberger und Lanz, die van der Leyen und sonstigen Sprücheklopfer für die er nur ein geiles Talkshow-Thema ist, zu dem Experten für ein angenehmes Entgelt ihr Wissen versprühen, das sie vornehmlich aus dem Hörsaal haben, Plauderstündchen, für die sich selbst der Bundekanzler nicht zu schade ist.
Und der Waldprediger bekommt Angst!

Nicht um sich, der er schon älter geworden ist, als er je zu werden hoffte und dem der Abschied vom irdischen Treiben inzwischen manchmal tröstlicher erscheint als drohend. Nein! Er hat Angst um die Kinder, die es wegen ihrer Unschuld verdient hätten, die Wunder der Welt kennenzulernen und noch etwas zu genießen.
Er hat Angst, wenn er sieht, w e r  da  w i e  zur Schadensbekämpfung antritt, wenn er sieht, wie blitzblöde Pausbackenmuttis und eiskalte Karriere-Reptilien pathetisch Milliardenbeträge  freigeben, damit Benzin gekauft werden kann zur Brandbekämpfung.
Und lähmendes Entsetzen befällt ihn angesichts der Massen, die einmütig die Diktatur im Lande des bösen Putins geißeln, aber gleichzeitig gar nicht wahrnehmen, wie sich ihr eigenes in Sieben-Meilen-Schritten von der Demokratie entfernt.
Da wird die weltbekannte Sopranistin Anna Netrebko „gefeuert“, genauso wie der Chefdirigent der Münchener Philharmoniker Gergiev. Nein, nicht wegen irgendwelcher verwerflicher Äußerungen, sondern weil sie sich eben nicht äußern wollen - gegen Putin und ihre Heimat Russland. Der Waldprediger ist gespannt, wann die ersten Filme mit Gerad Depardieu aus den Programmen genommen werden.
Gleichzeitig hat die EU  die russischen Medien RT und  Sputnik verboten.  Es gelte natürlich nach wie vor Rede- und Meinungsfreiheit, aber man werde nicht zulassen, daß Kreml-Treue "ihre giftigen Lügen zur Rechtfertigung von Putins Krieg verbreiten oder die Saat der Spaltung in unserer Union säen".
Wie wäre es mit Plakaten und Flyern: „Vorsicht! Feind verbreitet Desinformationen!“.  Früher hat er nur mitgehört!
Endlich, und im Handumdrehen, ist Geld für die Bundeswehr da! Zwar nur schlappe 100 Milliarden, was mal gerade so reichen würde, jedem Rentner lächerliche fünftausend Flocken mehr im Jahr zu zahlen, aber immerhin ein Anfang, der denn auch vom – fast – gesamten Bundestag mit stehenden Ovationen begrüßt wurde.
Der Waldprediger erwartet nun aber auch, daß dieses Geld schnell und effektiv zur Stärkung der Truppe eingesetzt wird, beispielsweise durch die Beschaffung fronttauglicher Transgender-Toiletten!
Man darf ja wohl nicht erwarten, daß Anastasia Biefang ihren Bedürfnissen wie ein gemeiner Landser auf einer gewöhnlichen Latrine nachkommt. Schließlich wurde die erste transsexuelle Kommandeurin der Streitkräfte gerade erst als Generalstabsoffizierin ins Bundeswehr-Kommando Cyber- und Informationsraum nach Bonn berufen. Ursprünglich war Sie? Er? Es? oder Ihmchen als Mann in die Bundeswehr eingetreten. Ihre Wandlung zur Frau war 2019 Thema der Dokumentation „Ich bin Anastasia“. Seitdem engagierte Sie? Er? Es oder Ihmchen sich für Transgender-Personen in den Streitkräften und betreibt ein Vielfaltsmanagement für die Truppe. Davon können Putins Söldner nur träumen. Ganz zu schweigen von den armen 144 Millionen Russinnen und Russen, die von einem grausamen Regime immer noch gezwungen werden entweder Frau oder Mann zu sein, statt wie wir glücklichen Deutschen  – oder heißt es Deutsch*innen - unter sechzig anerkannten Geschlechtern wählen zu können.
Ach, nun hat sich über diesen Gedankengängen des Waldpredigers Gemüt doch ein wenig erhellt, weil er hofft, daß sich der Herrgott dieses lustige Kasperletheater doch nicht einfach von irgendwelchen dahergelaufenen Politikern kaputt machen lassen wird.
Ja, des Waldpredigers Gemüt hat sich erhellt; wie vor seinem Häuschen der Morgen zu grauen beginnt, so beginnt es auch ihm zu grauen!

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Der Waldprediger hat einen schweren Dachschaden. Sage jetzt bitte nicht, lieber Leser, das habest du schon lange gewußt, du kennst ja mein Dach gar nicht und meinst sicher etwas anderes! Das aber läßt sich wohl kaum noch reparieren, im Gegensatz zum Dach seiner Klause, das der Waldprediger meint. Dort sind mehr als nur ein paar Sparren locker, und da der Waldprediger kein Freund halber Sachen ist, beschloss er kurzerhand nicht herumzufriemeln, sondern das fast 100 Jahre alte Dach durch ein neues zu ersetzen.

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Heute, lieber Leser, wurde der Waldprediger wach, weil es so still war, stiller noch als sonst in seiner ohnehin geräuscharmen Klause. Halb noch traumverloren, ahnte er auch schon den Grund für diese Stille. Und richtig! Als sein schlafverschwommener Blick sich durch das Fenster in die Welt tastete, grüßte ihn ein strahlendes Winterweiß; genau zum dritten Adventssonntag hatte es in der Nacht geschneit, tüchtig geschneit! Papier- und Mülltonne, Granitpfosten und Zaunlatten - alles trug eine flauschige Schneehaube, hoch wie die Fellmütze eines kaukasischen Kosaken.

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