Die Sicht des Waldpredigers auf die Welt

Es ist jetzt schon ein paar Jährchen her, daß der Waldprediger durch ein amtliches Schreiben aufgeforderte wurde, und zwar sehr nachdrücklich, sich nach Grevesmühlen zu verfügen.
Ohne den braven Bürgern dort zu nahe treten zu wollen, darf man behaupten, daß man nicht wirklich etwas versäumt, wenn man nicht dorthin fährt; allein daß die Leute dort oben den Ort selbst „Kreihnsdörp“ nennen, auf gut Deutsch also „Krähendorf“, spricht ja Bände.
Aber der Waldprediger mußte.

Ach, lieber Leser,
was war der Waldprediger heute wieder einmal so richtig glücklich, als er nach langen Monden unfreiwilliger Enthaltsamkeit wieder in seiner Klause mit dem kleinen Gärtchen aufschlug. Er, der schon beim bloßen Anblick und vor allem dem Geruch von Scampi, Garnelen oder gar Austern einen  Brechreiz bekommt, wurde aus heiterem Himmel mit einem Krebs beschenkt; der Leser mag sich schon denken, daß es sich hier nicht um einen fetten Hummer handelte, der den Waldprediger aus dem Gefecht nahm oder besser gesagt, für schmerzlich lange Zeit von seinem Zufluchtsort verbannte.

Jetzt hat der Waldprediger, fast auf den Tag genau, ein Jahr lang geschwiegen. Nicht, weil er nichts mehr zu sagen wüßte, sondern weil er weise werden wollte. Ihm war ein Büchlein in die Hände gefallen, in dem der Dichter in seiner verzweifelten Nachteinsamkeit den Mond fragt:

Sprich, guter Pausback, gelb und heiter,
sag, lieber guter alter Mond,
ist heut die Welt, das Volk gescheiter?
Hat Goethes Wirken sich gelohnt?

Und was sagt der Mond?

Eigentlich wollte der Waldprediger erst Sylvester, zum Jahreswechsel, wieder ein paar Zeilen in das Weltnetz senden, aber nun, da ihm das Herz übergeht vor Freude, kann er einfach nicht länger mehr an sich halten; er muß seine Begeisterung in die Welt hinausjubeln und seine Dankbarkeit für Errettung aus höchster Gefahr: Nun danket alle, liebe Freunde, nein, nicht Gott, sondern unserer umsichtigen Regierung, die uns – in letzter Minute sozusagen – vor einem Staatsstreich fürchterlichster Art bewahrt hat.

Es ist Nacht, tiefe Nacht. Schwarz gurgeln die Wassermassen im kleinen Fluss vor der Einsiedelei des Waldpredigers. In den Bergen hat die Schneeschmelze begonnen, beschleunigt durch einen warmen Dauerregen; abgerissene Äste, umgestürzte Bäume und anderes Treibgut wirbelt in den Fluten und kracht gegen die Brückenpfeiler. Im Stahlgeseil der Fahnenmasten pfeift und klirrt der Wind.  Bösartig faucht er durch den Schornstein bis in den Ofen hinein, in den der Waldprediger  gerade noch ein paar Buchenscheite gegeben hat und durch dessen Schauglas er, in seinem Sesselchen hockend, sinnierend blickt. Vom Turm der alten Klosterkirche am anderen Ufer schlägt es zwei Uhr.
Der Waldprediger kann nicht schlafen, denn draußen tobt nicht nur das Wetter, es tobt ein Krieg.

Der Waldprediger hat einen schweren Dachschaden. Sage jetzt bitte nicht, lieber Leser, das habest du schon lange gewußt, du kennst ja mein Dach gar nicht und meinst sicher etwas anderes! Das aber läßt sich wohl kaum noch reparieren, im Gegensatz zum Dach seiner Klause, das der Waldprediger meint. Dort sind mehr als nur ein paar Sparren locker, und da der Waldprediger kein Freund halber Sachen ist, beschloss er kurzerhand nicht herumzufriemeln, sondern das fast 100 Jahre alte Dach durch ein neues zu ersetzen.

Heute, lieber Leser, wurde der Waldprediger wach, weil es so still war, stiller noch als sonst in seiner ohnehin geräuscharmen Klause. Halb noch traumverloren, ahnte er auch schon den Grund für diese Stille. Und richtig! Als sein schlafverschwommener Blick sich durch das Fenster in die Welt tastete, grüßte ihn ein strahlendes Winterweiß; genau zum dritten Adventssonntag hatte es in der Nacht geschneit, tüchtig geschneit! Papier- und Mülltonne, Granitpfosten und Zaunlatten - alles trug eine flauschige Schneehaube, hoch wie die Fellmütze eines kaukasischen Kosaken.

Jetzt hatte es dem Waldprediger doch tatsächlich einmal die Sprache verschlagen wie noch nie in seinem nun schon recht betagtem Leben, so daß er einige Wochen brauchte, um wieder Worte zu finden. Auf die Gründe wollen wir hier nicht näher eingehen, aber es waren die gleichen, die ihn nach Poserna führten; Museen, Cafes und Ausstellungen waren ihm, wie vielen anderen unbescholtenen Bürgern abrupt verwehrt worden und so beschloss er, einen ländlichen Ausflug zu unternehmen, ehe auch der Besuch von Dörfern nur noch mit obrigkeitlicher Permission - und selbstverständlich der obligatorischen Gesichtsvermummung - möglich sein würde.

Nein, der Waldprediger ist noch nicht tot, und es hat ihm auch nicht die Sprache verschlagen, aber er hat sich in den zurückliegenden Wochen und Monaten noch konsequenter in seine Einsiedelei zurückgezogen und versucht, sich einmal eine Weile jeden Kommentars zu enthalten und seinen Umgang auf Tomatenpflanzen, Weinstöcke, Stangenbohnen und andere liebenswerte Zeitgenossen zu beschränken.
So ganz ist ihm das natürlich nicht gelungen, da er zum einen ein recht geselliger Kerl sein kann – wenn es sich lohnt – und zum anderen nicht im luftleeren Raum lebt, wie ihm immer wieder bewußt gemacht wird, zuweilen recht schmerzhaft.

Beim Aufräumen meiner Bibliothek fiel mir dieser Tage ein Karton mit alten Erinnerungsstücken meiner Vorfahren mütterlicherseits in die Hände, Geburtsurkunden, Familienbücher, Taufscheine und natürlich jede Menge Fotos, schwarz-weiß, zerknittert, eingerissen einige, verschwommen andere; gut 100 Jahre Familien-, aber auch deutscher Geschichte.
Das Bild meines Großvaters Franz zum Beispiel aus dem Jahre 1915 zeigt einen kernigen, gut aussehenden Müllergesellen, einen rassigen Trakehner am Halfter führend; ein schmucker Bursche, dem man gerne glaubt, daß alle Dorfschönen, wie er mir oft erzählte, ihm mit verliebten Augen nachblickten, auch die kluge Johanna aus gräflichem Blute, die ihn später aus Liebe und völlig standesungemäß heiratete und meine Großmutter wurde.
So beim Kramen und Betrachten der alten Sachen wurde mir bewußt, in welch kurzen Zeitabständen sich in Deutschland immer wieder grundlegende gesellschaftliche Umbrüche vollzogen haben.

Gerade eben noch wollte der Waldprediger seinen Lesern – von dreien, vieren weiß er zuverlässig – eine Weihnachtsbotschaft mitteilen, da waren wie mit einem Schlage die Lebkuchen und Schokoladenweihnachtsmänner in den Supermärkten schon wieder den Osterhasen und Fondant-Eiern gewichen.

Die Botschaft zu Ostern konnte er sich dann auch gleich sparen, alldieweil sie dem ganzen Volke bereits von der Mutti Merkel verkündet worden war; und es war keine frohe Botschaft. Es wurde uns mitgeteilt, die Lage sei ernst, sehr ernst, so ernst daß auch der Ostergottesdienst ausfallen müsse. Wahrscheinlich, weil uns nicht mal Gott mehr helfen kann.

Einen ganzen Vormittag lang hat der Waldprediger Möwen am Strand von Usedom beobachtet; wie sie ausdauernd im Winde schwebten, blitzschnell aus der Luft herabschossen, sich Nahrung aus dem salzigen Wasser fischten, auf den schaumigen Wellenkronen treiben ließen oder in Scharen geschwätzig am Strand entlangliefen.
Das waren wunderbare Stunden.

Ja, lieber Leser, es gibt ihn noch! Nein, nicht den alten Holzmichel, ob der noch lebt weiß ich nicht, ist mir ehrlich gesagt auch nicht so wichtig. Ich meine mich, den Waldprediger, von dem du so lange nichts mehr gehört hast, obwohl er noch rüstig und tatendurstig ist und zwar ohne jedes Fitnesstraining. Erst vorige Woche hat er sechs Festmeter Kaminholz in den Schuppen geräumt, obwohl laut Greta Thunberg ja keine Winter mehr zu erwarten sind.

Wer da glaubt, der Waldprediger sei ein schrulliger Kauz, der, zwischen staubigen Scharteken vergraben, weltfern vor sich hin spintisiere, geht ganz fehl.  Der Waldprediger ist trotz seinem hohen Alter, das bereits biblische Dimensionen erreicht hat, ein weltoffener Mensch. Vor wenigen Tagen erst hat er sich ins ferne Südtirol begeben.

– der Waldprediger gesteht, daß sie schon einige Dutzend Jahre zurückliegt – war im Dorfe meiner Großmutter der sonntägliche Kirchgang genauso eine Selbstverständlichkeit wie die anschließende Einkehr in den Dorfkrug, der damals noch nicht „Hongkong Garden“ hieß, sondern „Lindenhof“, was naheliegend war, da eine prächtig-grüne Reihe stattlicher, jahrhundertealter Linden zu seinem Tore führte.

Hin und wieder flattert dem Waldprediger auch das ein oder andere Zeitungsblättchen in die Klause, wo es von ihm alsbald einer sinnvollen Verwendung zugeführt wird. Er hat nämlich einen sehr gefräßigen Kachelofen, der in der kalten Jahreszeit ganze Holzstöße verschlingt, die im morgendlichen Ritual mit Papier und Spänen entzündet werden. Natürlich läßt es sich nicht vermeiden, daß sein Blick bei aller Abgeklärtheit doch hin und wieder an einer Schlagzeile hängen bleibt.

„Zuwanderung sichert Bevölkerungswachstum"
sprang ihm da neulich ins Auge.