Es ist jetzt schon ein paar Jährchen her, daß der Waldprediger durch ein amtliches Schreiben aufgeforderte wurde, und zwar sehr nachdrücklich, sich nach Grevesmühlen zu verfügen.
Ohne den braven Bürgern dort zu nahe treten zu wollen, darf man behaupten, daß man nicht wirklich etwas versäumt, wenn man nicht dorthin fährt; allein daß die Leute dort oben den Ort selbst „Kreihnsdörp“ nennen, auf gut Deutsch also „Krähendorf“, spricht ja Bände.
Aber der Waldprediger mußte.

Der Staat in der konkreten Erscheinung eines Amtsgerichtes verlangte Auskunft über seine Vermögensverhältnisse.
Der Gerichtsvollzieher, ein alles in allem sehr umgänglicher Herr wie sich im Verlauf der Unterhaltung herausstellte, mußte ihn schon erwartet haben. Er stand am Fenster guckte durch die Scheiben und sagte, ohne „Guten Morgen“ gewünscht zu haben, mit einem gewissen Unterton in der Stimme: „Schönes Auto, mit dem Sie da gekommen sind…“

„Ja, da kann man wirklich nicht meckern“, erwiderte der Waldprediger mit freundlichem Lächeln, “AMG Allrad, 450 PS in Vollausstattung, da bleibt kaum ein  Wunsch offen.
„Hätte ich auch gerne“, sagte der Gerichtsvollzieher mit einem wehmütigen Zittern seiner Stimmbänder, „kann ich mir aber nicht leisten!“
„Ich leider auch nicht!“, erwiderte der Waldprediger mit einem ebenso traurigen Unterton.

„Ach, das ist gar nicht Ihrer?“ , fragte der Gerichtsvollzieher mit hörbarer Enttäuschung!
„Wo denken Sie hin? „sagte der Waldprediger seufzend. „Ich bin froh, daß mein Freund ihn mir für den einen Tag geborgt hat. Mit dem Zug hätte ich ja gestern schon losfahren müssen, um heute pünktlich bei Ihnen zu sein.“
„Sprechen Sie von Herrn L., in dessen Bodenkammer Sie so kärglich hausen“, fragte der Amtsdiener und sah mir prüfend tief in die Augen.
„Ach, das wissen Sie?“ fragte der WaLdprediger, und begegnete dem argwöhnisch-vorwurfsvollen Blick mit einem ebenso traurig-demutsvollen.
„Ich habe Sie ja mehrfach aufgesucht unter Ihrer Meldeadresse, sagte der Gerichtsvollzieher vorwurfsvoll, Sie aber nie angetroffen. Ihr Freund wußte auch nicht, wo Sie sind. Wo stecken Sie denn immer?“
„Ja, die meiste Zeit in Italien“, wurde ihm wie nebenbei geantwortet. „Das Leben in Deutschland kann man sich bei dieser kärglichen Rente einfach nicht mehr leisten.  Die Weine sind da auch viel besser, vor allem, wenn man Freunde hat, die ihn spendieren“.
Woraufhin  der Waldprediger dem Gerichtsvollzieher einen ausführlichen Überblick verschaffte über die autochthonen Rebsorten des Friauls mit ihren jeweiligen Eigenarten, Vorzügen und charakteristischen Geschmacksnuancen.

Sie schieden fast wie, nun nicht gerade wie Freunde, aber doch wie Bekannte, die sich nicht ganz unsympathisch sind.
Der Gerichtsvollzieher stand oben, hinter seinem gardinenlosen Bürofenster und sah kopfschüttelnd zu, wie der Waldprediger ins Auto stieg um, nein, nicht nach Italien und auch nicht zu seinem Freund L. zu fahren, sondern nach Thüringen, wo er seinen, wie es so schön heißt, Lebensmittelpunkt hatte, was eigentlich totaler Schwachsinn ist, da ein Punkt, rein mathematisch gesehen ja keine Ausdehnung hat und demzufolge man auf einem solchen gar nicht leben kann.
Schnell war er auf der Autobahn und an der Abfahrt Schwerin fiel ihm ein, daß in Schwerin ja seine Schulkameradin Karin K. wohnt. Sie war zwei Jahrgänge unter ihm gewesen.
Er konnte umso gelöster an ihrer Tür klingeln, als ihre gemeinsamen Erinnerungen durch keinerlei rosaroten Verbandelungen getrübt waren; er hatte es seiner Zeit auf ihre Busenfreundin Jutta abgesehen, die er zum Glück aber nicht bekommen hatte, zu ihrem Glück.
„Na das ist ja eine Überraschung,“ rief Karin, „wo kommst du denn her?“
Nun, das sagte der Waldprediger ihr lieber nicht.
„Weißt du wer  g e s t e r n  hier war?“ fragte sie beim Kaffeeeingießen, und da sie natürlich wußte, daß der Waldprediger es nicht wußte, setzte sie gleich hinzu: „Hella Dörsing! Kannst du dich noch an Dörsings erinnern?“
„Na klar“ sagte er. „Hellas Schwester Maike war doch in meiner Klasse und der alte Dörsing hat mir mal seinen Trainingsanzug geborgt.
Was wolltest du denn mit dem Trainingsanzug von Hellas Vater,“ fragte Karin höchst verwundert. Hattest du keinen eigenen?“
„Klar hatte ich einen, aber der war blau, und ich brauchte unbedingt einen braunen!“
Ja, und dann mußte er seiner lieben Karin die gleiche Geschichte erzählen wie Ihnen jetzt, weil sie die ganze Episode einfach vergessen hatte, obwohl das Ganze ja gerade mal fünfzig Jahre zurücklag.
Die Deutschlehrerin seiner Schule, Fräulein Tiede - auf das „Fräulein“ legte sie allerhöchsten Wert – hatte eine Theatergruppe gegründet, deren Darbietungen vom dörflichen Publikum mehr als dankbar angenommen wurden; die nächste Profibühne war neunzig Kilometer entfernt.
In der betreffenden Weihnachtsaufführung hatte der Waldprediger, damals ein ganz dürrer Hering, einen knuddligen Braunbären zu spielen. Ein entsprechender Kopf aus Pappmache war vorhanden, ja und als brauner Pelz mußte eben der besagte Trainingsanzug des alten Dörsing herhalten, Chef des Betonwerkes und schon deshalb  eine respektable Person.
In einer Szene des Märchenstückes hatte eine geschwätzige, flatterhafte und unachtsame Dohle mit ihren Flügeln eine Banane vom Fensterbrett der himmlischen Weihnachtsmannwerkstatt zu fegen, die auf der Erde die Nase einer bösen Hexe treffen und verunstalten sollte.
Das war 1962!
In der DDR!
Ein Jahr nach dem Mauerbau!
Es gab keine Bananen, oder sagen wir, es gab kaum welche und die Zuteilungen waren so zahlreich wie Regentropfen in der Atacama-Wüste und „verdunsteten“ noch schneller als diese.
Nun hätte man das Problem ja sehr einfach lösen können.  Warum sollte der Hexe nicht ein Apfel oder eine Birne auf die Nase fallen, eine Mohrrübe oder besser noch und spektakulärer ein Weiß- oder Rotkohlkopf? Die waren reichlich vorhanden.
Aber nicht mit Fräulein Tiede!
„Werktreue!“, donnerte sie, um die eins-sechzig groß, mit erhobenem Zeigefinger; so mancher Regisseur heute könnte und sollte sich ein Beispiel daran nehmen - „Werktreue!“  und organisierte über ihre Kaffeetafelfreundinnen ein wahres Pracht- und Musterexemplar von Banane.
Im Nachhinein denkt der Waldprediger so manchmal, ob der überaus große Erfolg der Aufführungen in den dicht gefüllten Tanzsälen der Dorfwirtschaften nicht zuletzt dieser Banane zu verdanken war. Vielleicht wollten die Leute einfach mal wieder eine echte Banane sehen?
Das kostbare Stück wurde denn auch in einem eigens vom Werklehrer Schermer gefertigten Behältnis sorgsam behütet und transportiert.
Bis zum letzten Auftritt in Stapen, einem 300-Seelen-Dörfchen, zu dem nicht einmal eine asphaltierte oder gepflasterte Straße führte, das aber durch den umtriebigen Dorfschulleiter Horst Herting in den Besitz des modernsten Kultursaales des gesamten Kreises gelangt war.
Selbst der letzte Stuhl war besetzt.
Es gab viel Zwischenapplaus, auch, wie der Waldprediger hier einmal unbescheiden einwerfen möchte, für seine Darstellung eines liebenswürdig-tolpatschigen Bären, der neben dem Weihnachtsmann eine Hauptrolle spielte.
Es herrschte Hochstimmung im Saal und auf der Bühne, als die Dohle flügelschlagend aus der Kulisse hüpfte und sich mit trippelnden Schritten der Banane auf dem Fensterbrett näherte.
„Oh“, rief, sie als sähe sie das begehrte Edelobst tatsächlich zum ersten Male“, oh, da ist ja eine B a n a n e. Na, die werde ich mir schmecken lassen!“
Sprach‘s, schälte die Banane ab und fraß sie, ich kann es nicht anders nennen; vor aller Augen gierig auf!
Das Publikum klatschte wie verrückt Beifall, es kannte ja den Originaltext nicht und kaute wahrscheinlich im Geiste mit. Auf der Bühne aber waren alle starr vor Entsetzen und blickten mit offenen Mündern auf die Übeltäterin, da alle nachfolgenden Dialoge infolge dieser brutalen Textänderung keinerlei Sinn mehr ergaben.
Der Waldprediger weiß gar nicht mehr, wie das Stück zu Ende gebracht wurde. Als der Vorhang sich geschlossen hatte, stürzte alles auf die Übeltäterin zu: „Bist du wahnsinnig geworden? Was hast du dir denn dabei gedacht?“
„Ich weiß auch nicht“, sagte sie mit dem Ausdruck äußerster Unschuld, „ich weiß wirklich nicht, es ist einfach so über mich gekommen.“
Aber das glaubte ihr kaum einer.