Ach, lieber Leser,
was war der Waldprediger heute wieder einmal so richtig glücklich, als er nach langen Monden unfreiwilliger Enthaltsamkeit wieder in seiner Klause mit dem kleinen Gärtchen aufschlug. Er, der schon beim bloßen Anblick und vor allem dem Geruch von Scampi, Garnelen oder gar Austern einen  Brechreiz bekommt, wurde aus heiterem Himmel mit einem Krebs beschenkt; der Leser mag sich schon denken, daß es sich hier nicht um einen fetten Hummer handelte, der den Waldprediger aus dem Gefecht nahm oder besser gesagt, für schmerzlich lange Zeit von seinem Zufluchtsort verbannte.


Aber da der Waldprediger, wie schon erwähnt, alles ablehnt, was mehr als vier Beine oder gar keine hat, beschloss er, auch diesem Tierchen eine Absage zu erteilen.
Was war das für ein Gefühl, als er die Haustür aufschloss und in den vertrauten halbdunklen Flur mit seinem anheimelnden Ziegelfußboden trat, als erstes die Ofentür öffnete und ein Streichholz unter den sorgsam vorbereiteten Brennstapel aus Papier, Spänchen und trockenen Buchenholzscheiten hielt. Es quiemte natürlich ein Weilchen bis die Hitze die kalte Luftsäule aus dem Schornstein gedrückt hatte, aber dann prasselte es vor sich hin, daß es eine Freude hatte. Schnell noch das Teewasser aufgesetzt und wieder ins Freie, wo es um ein Etliches wärmer war, als im ausgekühlten Haus, sagenhafte 19 Grad Celsius im Schatten und das in der ersten Märzwoche
Das kleine Rasenstück vor dem Haus prangte in Weiß, Gelb und Violett von den zahlreichen Schneeglöckchen, Winterlingen und Krokussen, selbst eine verfrühte Tulpe bot ihr gerötetes Haupt bittend der Sonne dar.
Aber das Kräuterbeet, wie sah das denn aus? Ein Rosmarinstämmchen war erfroren, Salbei, Pfefferminze, Melisse und & streckten meterlange verwilderte und vertrocknete Triebe nach allen Seiten und pflanzliche Nichtsnutze aller Art wettereiferten miteinander, des Waldpredigers Schützlingen das Leben zu erschweren.
Also Jacke aus, Sonnenhut auf und mit Wurzelstecher, kleiner Hacke und Gartenschere ging der Waldprediger zum Gegenangriff über.
 Er fühlte sich kräftig wie weiland Poseidons und der Gaia Sohn Antaios, als ihm über die Fingerspitzen, durch die Arme die Kraft der Mutter Erde in immer stärkeren Schüben ins Herz floss, nein, schoss, nur hätte er sich jetzt auch von einem Herakles nicht vom Boden heben und besiegen lassen! Wie weggespült war all der ekle Dreck und die Wut, die sich in ihm in all den dunklen Wochen stinkend angesammelt hatte.

Ja, es tat immer noch weh, feststellen zu müssen, daß sein armes ausgebeutetes und zersplittertes Volk von einer kriminellen Bande, gieriger, talent- und vor allem gewissenloser Nichtskönner wie ein Bulle am Nasenring zur Schlachtbank geführt wurde. Aber es regte ihn nicht mehr auf!
Er fühlte nur noch mitleidige Verachtung für diese Spitzbuben, die selbst in ihren Schandtaten kläglich waren und er ärgerte sich viel mehr darüber, daß die ausgerottet geglaubte Goldrute sich doch ieder festgesetzt hatte, ausgerechnet dort, wo er die Radieschen aussehen wollte, wenn es dafür vielleicht auch noch ein bißchen zu früh war.
Also mußte auch der Spaten ran, und wenn man schon so schön im Gange war, dann schaffte man doch noch einen weiteren  Meter und noch einen…
Am Ende war natürlich der Tee längst kalt geworden und der Durst so groß, daß der Waldprediger mit leicht wackligen Knien die Treppe in seinen kleinen Vorratskeller hinabstieg, um sich eine große Flasche , nein, nein, keinen Wein, der schmeckte noch nicht wieder nach all der Chemie, die man in ihn hineingepumpt hatte, nein, um sich eine schöne Flasche selbstgemachten Fruchtsaft aus dem Regal zu holen, Und auch das war keine leichte Entscheidung. Der Rhabarber- und der Stachelbeersaft wurden als erstes abgewählt, dann der Quittensaft. Schwerer war es schon, sich zwischen dem roten und weißen Trauben- und dem Sauerkirschsaft zu entscheiden; das kleine, erst vor drei Jahren gepflanzte Kirschbäumchen hatte nur drei Flaschen Ertrag gespendet und wurde dementsprechend noch verschont. Und so bekam am Ende doch der Saft der Goldparmäne den Vorzug, die seit siebzig Jahren brav und fleißig kistenweise die herrlichen Früchte lieferte, die sehr wohl auch aus dem Garten der Hesperiden hätte stammen können, so köstlich dufteten und schmeckten sie, genauso wie der aus ihnen kaltgepresste Nektar.
Und dann saß der Waldprediger erschöpft, aber über alle Maßen zufrieden im windgeschützten Winkel zwischen Haus und Werkstattschuppen, unter dem weit verzweigten Geflecht des Lagreins  aus Südtirol, der zwar noch völlig kahl war, aber mit seinen vielen, vielen Knospen schon eine ähnlich üppige Ausbeute versprach, wie im letzten Jahr, als das eine Stämmchen 160 Trauben trug.

Der Waldprediger schwenkte das Glas mit dem wirklich goldenen Saft der Goldparmäne gegen die sinkende Sonne, schnüffelte wie an einem Wein und ließ das köstliche Nass kellerkühl die Kehle hinunterrinnen. Und ihm ging die tiefe Lebensweisheit des Lutherischen Ausspruches auf:
„ Und wenn ich wüsste, daß morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“
Es scherte ihn überhaupt nicht, daß der Spruch gar nicht von Luther war, sondern schon vor  tausendfünfhundert Jahren vom Propheten Mohammed benutzt wurde, also so alt war wie alle wirklich tiefen Lebenswahrheiten.
Und der Waldprediger saß, trank, genoss und war glücklich!